Wandern mit Wildpferden: Livno und Goranci
Hochebenen, freie Herden und die stille Weite Westbosniens
Autor: Tomáš Richter
Warum Livno und Goranci keine Geheimtipps mehr sind – aber trotzdem unberührt wirken
Ich will ehrlich sein: Die Wildpferde von Livno tauchen inzwischen auf Instagram auf. Wer „Bosnien Wildpferde" googelt, findet Bilder. Trotzdem war es bei meinem zweiten Besuch im September 2024 so, dass ich an zwei aufeinanderfolgenden Morgen auf der Cincar-Hochebene stand und keinen einzigen anderen Wanderer gesehen habe. Das ist der Unterschied zwischen viralen Fotos und der Realität vor Ort.
Die Hochebenen westlich von Livno – insbesondere das Plateau rund um den Cincar-Berg (2.006 m) und das Gebiet bei Goranci, einem Weiler etwa 18 km südöstlich der Stadt – gehören zu den am wenigsten frequentierten Wandergebieten Bosnien-Herzegowinas. Das hat Gründe: schlechte Straßen, kaum Infrastruktur, keine ausgeschilderten Trails. Für alle, die das als Warnung lesen: falsch. Das ist die Einladung.
Die Wildpferde: Was du wirklich erwartet (und was nicht)
Fangen wir mit dem an, was die meisten wissen wollen. Die Pferde auf den Livno-Hochebenen sind Halbwildpferde – technisch gesehen gehören sie lokalen Bauern, laufen aber das gesamte Jahr frei auf dem Karst-Plateau. Es gibt keine Einzäunung, keine Fütterung durch den Menschen, keine touristische Infrastruktur drumherum. Die Herden zählen je nach Saison zwischen 8 und 30 Tiere.
Was ich 2024 erlebt habe: Du läufst morgens los, irgendwann – manchmal nach 20 Minuten, manchmal nach zwei Stunden – stehst du plötzlich 50 Meter vor einer Herde. Die Tiere schauen kurz, dann fressen sie weiter. Wenn du dich langsam bewegst und keinen Lärm machst, kommen manche auf 10 bis 15 Meter ran. Kein Zirkus, kein Posieren für die Kamera. Einfach Pferde, die ihr Leben leben.
Wichtig: Nicht anfassen, nicht füttern, nicht zwischen Stute und Fohlen laufen. Das klingt selbstverständlich, ist es aber offenbar nicht – ich habe im Juli 2024 eine Gruppe beobachtet, die versuchte, einem Hengst Brot hinzuhalten. Der Hengst war nicht amüsiert. Halte mindestens 20 Meter Abstand, wenn du nicht willst, dass ein 500-Kilo-Tier seine Meinung über dich zum Ausdruck bringt.
Die Route: Cincar-Plateau und Goranci-Hochebene
Es gibt keine offiziell markierte Wanderroute auf das Cincar-Plateau. Das muss klar gesagt werden. Wer mit einer App und dem Vertrauen auf ausgeschilderte Wege unterwegs ist, wird frustriert. Wer mit Karte, GPS und etwas Orientierungssinn kommt, findet eine der schönsten Karstlandschaften des Balkans.
Aufstieg Cincar vom Weiler Čelebić (Südseite)
Ausgangspunkt ist der kleine Weiler Čelebić, erreichbar über eine Schotterpiste ab der Hauptstraße M-16 (Livno–Kupres). GPS-Koordinaten Parkplatz: ca. 43.8210° N, 17.0340° O. Von hier aus führt ein Schafspfad in Richtung Nordost auf das Plateau. Höhenunterschied: ca. 650 m, Distanz bis zum Gipfel: 7,5 km einfach. Gehzeit aufwärts: 2,5 bis 3,5 Stunden je nach Tempo.
Das Gelände ist offener Kalksteinkarst – Lapiaz auf Französisch, škrape auf Bosnisch. Trittsicherheit ist Pflicht. Knöchelhohe Wanderschuhe sind kein Luxus, sondern Notwendigkeit. Im Frühling (April/Mai) ist das Plateau noch feucht und rutschig, im Sommer trocken und heiß. Meine bevorzugte Zeit: September/Oktober, wenn die Temperaturen auf dem Plateau zwischen 12 und 20°C liegen und das Licht für Fotos unschlagbar ist.
Goranci-Hochebene: flacher, wilder, pferdereicher
Wer weniger Höhenunterschied will und mehr Pferde, fährt nach Goranci. Das Gebiet liegt auf einer Seehöhe von ca. 900–1.100 m und ist per Allradfahrzeug oder gut gerüstetem Normalfahrzeug (Bodenfreiheit mind. 18 cm) über Schotterpisten erreichbar. Ab dem letzten bewohnten Haus in Goranci gibt es einen flachen Wanderweg, der sich über das Plateau zieht – ich schätze die begehbare Fläche auf etwa 15 km², komplett ohne Zäune.
Hier habe ich im Mai 2024 meine erste Herde angetroffen: 14 Pferde, darunter drei Fohlen, die keine zwei Wochen alt sein konnten. Das war einer dieser Momente, für die ich nach Bosnien zurückkomme. Kein Guide, kein Ticket, kein Parkplatzwächter. Einfach da.
Praktische Infos: Anreise, Unterkunft, Ausrüstung
| Kategorie | Details |
|---|---|
| Anreise | Ab Sarajevo ca. 2,5 Std. (160 km) über M-17 Richtung Mostar, dann M-16 nach Livno. Kein öffentlicher Bus auf die Hochebenen – Mietwagen oder eigenes Fahrzeug nötig. |
| Nächste Stadt | Livno (ca. 35.000 Einw.), 18 km von Goranci, 22 km von Čelebić |
| Unterkunft Livno | Hotel Dinara (ca. 45–60 €/Nacht), mehrere Gästehäuser ab 25 €. Wildcamping auf dem Plateau toleriert, aber kein Feuer machen (Brandgefahr!) |
| Beste Reisezeit | Mai–Juni (Fohlen, grüne Landschaft) und September–Oktober (Licht, Temperaturen) |
| Ausrüstung | Knöchelhohe Trailschuhe, Stöcke (Karst!), Windschutz auch im Sommer, mind. 2L Wasser (keine Quellen auf dem Plateau), GPS/Offline-Karte (Maps.me oder Komoot mit Download) |
| Karte | Topografische Karte 1:25.000 (erhältlich beim Bundesamt für Militärgeographie BiH, Sarajevo) oder Komoot-Download |
| Eintritt | Kein Eintritt, kein Nationalpark-Status – freies Gelände |
| Handy-Empfang | BH Telecom hat auf dem Plateau sporadischen 4G-Empfang. Verlasse dich nicht darauf. |
Minen: Das Thema, das ich nicht weglassen kann
Ich sage das bei jeder Bosnien-Wanderung und ich sage es hier nochmal: Bosnien-Herzegowina hat noch verseuchte Gebiete. Das Livno-Gebiet gilt laut BHMAC (Bosnian Mine Action Centre) als weitgehend sicher, aber „weitgehend" ist kein 100%-Freifahrtschein. Die Regel gilt immer: Wege und Pfade nicht verlassen, wo es keine gibt – auf Schafspfaden bleiben. Vor allem in bewaldeten Senken und rund um verlassene Gebäude gilt erhöhte Vorsicht.
Auf dem offenen Karst-Plateau selbst ist das Risiko minimal – die Fläche wurde nach Kriegsende systematisch untersucht. Aber ich erwähne es, weil ich es für unverantwortlich halte, es wegzulassen. Konsultiere vor jeder Wanderung in unbekanntem Gelände die BHMAC-Karten online.
Livno selbst: Unterschätztes Städtchen mit gutem Essen
Die meisten Wanderer nutzen Livno nur als Schlaflager. Das ist verständlich, aber schade. Die Altstadt hat eine gut erhaltene osmanische Festung (Livno Grad), die einen kurzen Abstecher wert ist. Und dann ist da noch der Livno-Käse – ein harter Schafskäse, der in der Region seit Jahrhunderten hergestellt wird und den ich für den besten Käse Bosniens halte. Kein Übertreiben. Im kleinen Laden direkt am Marktplatz bekommst du ihn für 8–12 KM pro Kilogramm. Kauf mehr als du denkst zu brauchen.
Für Abendessen empfehle ich das Restaurant Centar in der Innenstadt – bosnische Hausmannskost, Bosanski Lonac, gegrilltes Fleisch. Hauptgänge zwischen 8 und 14 KM (4–7 €). Keine Touristenspeisekarte, keine englische Übersetzung. Zeigen und lächeln funktioniert.
Wildcamping auf dem Plateau: Ja, aber mit Verstand
Ich habe auf dem Cincar-Plateau einmal übernachtet – im September 2024, mit Biwaksack und einer Nacht, die ich so schnell nicht vergesse. Die Milchstraße über einem Kalksteinplateau ohne Lichtverschmutzung ist das, wofür man Outdoor-Journalist wird.
Wildcamping ist in BiH eine rechtliche Grauzone – toleriert in entlegenen Gebieten, aber nicht explizit erlaubt. Auf dem Cincar-Plateau gibt es keine Nationalpark-Regeln, die es verbieten würden. Meine Regeln: Kein Feuer (Brandgefahr im Sommer extrem hoch, Karst brennt schnell). Kein Müll, kein Graben, kein Lärm. Zelt erst kurz vor Dunkelheit aufbauen, vor Sonnenaufgang abbauen. Und: Lagere Lebensmittel sicher – Bären gibt es in dieser Region zwar seltener als im Sutjeska, aber sie sind da.
Kombination mit Kupres und Blidinje: Die Westbosnien-Runde
Wer eine Woche Zeit hat, kann Livno und Goranci in eine größere Westbosnien-Runde einbauen. Meine Empfehlung für 6–7 Tage:
- Tag 1–2: Anreise Livno, Goranci-Hochebene, Wildpferde
- Tag 3: Cincar-Besteigung (Volltagestour)
- Tag 4: Fahrt nach Kupres (40 km nördlich), Hochebene 1.100 m, weiteres Wildpferd-Gebiet
- Tag 5–6: Blidinje-Naturpark (Čvrsnica-Massiv, Hajdučka Vrata-Durchgang) – eines der spektakulärsten Karstgebirge des Balkans
- Tag 7: Rückfahrt über Mostar oder direkt nach Sarajevo
Diese Runde deckt drei verschiedene Hochebenen-Charaktere ab: Livno (offen, Pferde, sanft), Kupres (breiter, landwirtschaftlicher), Blidinje (alpin, Fels, dramatisch). Für Trekker mit Erfahrung ist das eine der schönsten Wochen, die Bosnien zu bieten hat – und kaum jemand macht sie.
FAQ
Wo genau kann ich die Wildpferde bei Livno sehen?
Die größten Chancen hast du auf der Goranci-Hochebene (ca. 18 km südöstlich von Livno) und auf dem Cincar-Plateau (Zugang über Čelebić, Südseite). Kein garantierter Sichtungsort – die Herden bewegen sich frei. Früh morgens (06:00–09:00 Uhr) und abends (17:00–19:00 Uhr) sind die Pferde aktiver und leichter zu finden.
Brauche ich einen Guide für die Wanderung?
Offiziell nein. Praktisch empfehle ich für die erste Tour auf dem Cincar-Plateau lokales Wissen oder zumindest eine heruntergeladene Offline-Karte (Komoot, Maps.me). Lokale Guides aus Livno sind über den Tourismusverband Livno erreichbar – Preis ca. 50–80 € pro Tag.
Wann ist die beste Zeit für die Wildpferd-Wanderung?
Mai bis Juni für Fohlen und grüne Landschaft. September bis Oktober für stabiles Wetter, angenehme Temperaturen (10–20°C auf dem Plateau) und das beste Fotolicht. Juli/August ist möglich, aber auf dem offenen Karst ohne Schatten bei 30°C+ kein Spaß.
Ist Wildcamping auf dem Cincar-Plateau erlaubt?
Rechtlich Grauzone, in der Praxis toleriert. Kein Nationalpark, keine expliziten Verbote. Kein Feuer machen, Leave No Trace strikt einhalten. Bei Unsicherheit im Voraus beim Tourismusverband Livno nachfragen.
Wie komme ich ohne eigenes Auto nach Livno?
Es gibt Busverbindungen von Sarajevo nach Livno (ca. 3 Stunden, ca. 15–20 KM). Auf die Hochebenen selbst kommst du ohne Fahrzeug aber nicht sinnvoll. Mietwagen in Sarajevo ab ca. 30–40 €/Tag – mit Allradoption für die Schotterpisten empfohlen.
Gibt es Minengefahr auf dem Plateau?
Das Livno-Plateau gilt laut BHMAC als weitgehend sicher. Trotzdem gilt: Auf markierten Pfaden oder Schafspfaden bleiben, verlassene Gebäude und bewaldete Senken meiden, BHMAC-Karten vor der Tour konsultieren (bhmac.org). Das ist in Bosnien generell gültige Grundregel.
Mein Fazit nach 14 Bosnien-Reisen
Ich bin 2014 das erste Mal nach Bosnien gefahren und dachte, ich kenne das Land nach der dritten Reise. Livno hat mich 2024 eines Besseren belehrt. Es gibt Ecken in diesem Land, die sich anfühlen, als wären sie aus der Zeit gefallen – nicht weil sie rückständig sind, sondern weil sie einfach nicht versuchen, touristisch zu sein. Die Hochebenen rund um Livno und Goranci sind so ein Ort.
Du läufst durch Kalksteinkarst, der unter deinen Stiefeln knistert. Du stehst plötzlich vor einer Pferdeherde und weißt nicht, wer von beiden überraschter ist. Du schläfst unter einer Milchstraße, die in Mitteleuropa so nicht mehr existiert. Und du fährst zurück nach Livno und isst Schafskäse für drei Euro.
Das ist Bosnien, wenn es sich selbst treu bleibt. Komm hin, solange es noch so ist.
Tomáš Richter ist Outdoor-Journalist, UIMLA-zertifizierter Bergführer und Autor von „Via Dinarica – Der Trail durch den Balkan" (Conrad Stein Verlag, 2023). Er hat BiH 14-mal bereist, zuletzt im Frühjahr 2025.